Alle waren gespannt, was sie erwarten würde. Der Konzertmorgen „zusammen:leben“, vorbereitet im Unterricht in Gesellschaftslehre und Musik, versprach mehr als ein klassisches Konzert – und genau das wurde er auch.
Zu Beginn erklang die Europahymne – didaktisch klug aufgebaut: Zunächst spielten nur wenige Instrumente, beinahe vorsichtig. Nach und nach kamen weitere Stimmen hinzu, der Klang wuchs, Spannung entstand. Als schließlich das gesamte Landespolizeiorchester Rheinland-Pfalz im Fortissimo einsetzte, war es fast wie eine klangliche Erlösung. Man konnte sich diesem Moment kaum entziehen – der innere Rhythmus eines jeden Zuhörers reagierte auf die Schallwellen, Gänsehaut inklusive.
Unter der Leitung von Florian Weber, der der Musik-Fachschaft seit Jahren persönlich verbunden ist, wurde deutlich, wie ein Orchester funktioniert: Viele eigenständige Stimmen, die Verantwortung übernehmen und zugleich aufeinander hören. Ein Dirigent ist dabei kein Imperator. Ein Orchester kann durchaus ohne ihn spielen – seine Aufgabe liegt im Koordinieren, im Einüben, im Gestalten von Übergängen und Tempoveränderungen. Demokratie bedeutet nicht Führungslosigkeit, sondern abgestimmtes Handeln. Genau dieses Prinzip wurde hör- und sichtbar.
Das Moderatoren-Team führte mit Sachkenntnis und Humor durch das Programm. Friedrich Schillers Freiheitsgedanke wurde aufgegriffen, Textpassagen auf einer großen Leinwand visualisiert. Während der Dirigent die europäische Flagge schwenkte und in eine vorbereitete Halterung steckte, war klar: Es würden weitere Flaggen folgen.
Doch zunächst ging es um eine einfache Frage an das Publikum: „Wer hatte heute schon Streit?“ Zögerliches Melden. Mit einem Augenzwinkern folgte die nächste Frage: „Wer hat Geschwister?“ – Lachen im Saal. Schnell war klar: Streit gehört zum Leben dazu.
Wie aber stellt man Streit musikalisch dar? Das Publikum wurde einbezogen, Schülerinnen und Schüler meldeten sich. „Starke Kontraste“, „laut gegen leise“, „Gegensätze zwischen Instrumenten“ – Antworten, die zeigten, wie intensiv im Unterricht vorbereitet worden war.
Mit Leonard Bernsteins „Rumble“ aus den Symphonic Dances from West Side Story setzte das Orchester diese Ideen unmittelbar um: musikalische Frage und Gegenfrage zwischen Instrumentengruppen, bewusst komponierte Dissonanzen, extreme Dynamikwechsel. Konflikt wurde hörbar. In „Somewhere“ folgte der Wunsch nach Frieden – doch selbst dieser zarte Klang im hohen Holz wurde durch den „Teufel in der Musik“, den Tritonus im tiefen Blech, gestört. Hoffnung bleibt verletzlich.
Ein historischer Bogen führte weiter zur Französischen Revolution. Absolutismus, soziale Ungerechtigkeit, Aufbegehren. Mit der „Marseillaise“ wurde deutlich, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Freiheitsbewegungen entstehen. Die französische Flagge erhielt ihren Platz – ebenso später die deutsche.
Mit der deutschen Nationalhymne rückten „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ins Zentrum. Doch auch hier blieb es nicht bei feierlicher Würdigung: Drei Schlagzeuger traten nach vorne und trommelten den „Imperial March“. Sie forderten das Publikum auf aufzustehen und mit zuklatschen – und fast alle machten mit. Angeleitetes Chaos.
Im anschließenden Gespräch wurde nachgefragt: Warum seid ihr aufgestanden? Wie hat sich das angefühlt? Ist es richtig, einfach zu folgen?
Betroffenheit war spürbar. Demokratische Werte brauchen Sensibilität – und Wachsamkeit.
Ein Videoeinspieler zur Rolle der Polizei als „ausführende Gewalt“ in einem demokratischen Rechtsstaat führte den Gedanken weiter: Was bedeutet Gewaltenteilung konkret? Welche Aufgabe hat die Polizei in einem Land, das Freiheit schützen will? Und was geschieht, wenn diese Freiheit nicht gesichert ist?
Die Antwort darauf kam nicht in Form weiterer Erklärungen – sondern in Musik.
Mit dem iranischen Protestlied „Baraye“ wurde der Blick über Europa hinaus gelenkt. Geschrieben 2022 von Shervin Hajipour im Zusammenhang mit der Protestbewegung „Frau, Leben, Freiheit“, basiert der Text auf realen Äußerungen von Menschen im Iran – „Für die Frauen“, „Für das Leben“, „Für die Freiheit“. Kurz nach der Veröffentlichung wurde der Komponist verhaftet. Musik wurde hier zum Risiko.
Vorgetragen von der iranischen Sängerin Maryam Akhondy begann das Stück leise und ungewohnt. Zunächst war im Publikum eine spürbare Irritation wahrnehmbar – fremde Sprache, reduzierte Klanggestaltung, keine orchestrale Wucht. Doch gerade diese Zurückhaltung entfaltete ihre Wirkung. Nach und nach entstand eine dichte, nachdenkliche Atmosphäre. Man konnte spüren, wie nah diese Thematik plötzlich wurde. Hier wurde deutlich, was es bedeutet, wenn Freiheit nicht selbstverständlich ist – wenn Singen, Tanzen oder öffentliches Sprechen Konsequenzen haben kann. Für viele unserer Schülerinnen und Schüler war dies vermutlich der greifbarste Moment des Konzerts: eine Ahnung davon, wie es ist, wenn demokratische Rechte fehlen.
In diese Stimmung hinein erklangen „Imagine“, „Born This Way“ – begleitet von der LGBTQ+-Flagge – und schließlich „Get Up, Stand Up“. Am Ende standen alle. Nicht aus Gewohnheit, sondern aus Überzeugung.
Der Bürgermeister von Morbach, persönlich von der Schülervertretung eingeladen, folgte der Einladung und würdigte mit seiner Anwesenheit die Bedeutung dieses Konzertmorgens.
Zum Abschluss überreichte die Schülervertretung dem Dirigenten des Landespolizeiorchesters und dem Moderatoren-Team ein regionales Gastgeschenk. Dank der großzügigen Unterstützung des Fördervereins konnte ein Präsent unter dem Motto „Ebbes von Hei“ überreicht werden – als Zeichen der Wertschätzung und als Einladung, unsere Region kennenzulernen.
Dieser Morgen war kein gewöhnliches Schulkonzert.
Er machte deutlich: Einigkeit, Recht und Freiheit sind nicht selbstverständlich.
Demokratie lebt davon, dass wir zuhören, hinterfragen – und Verantwortung übernehmen.