Erinnern, um zu handeln – Holocaust-Gedenktag am 27.01.2026

Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss gelernt, gelebt und immer wieder verteidigt werden. Gerade junge Menschen sollen verstehen, wie zerbrechlich demokratische Werte sind – und welche Folgen es haben kann, wenn Ausgrenzung, Hass und Gleichgültigkeit die Oberhand gewinnen. Demokratiebildung an Schulen bedeutet deshalb auch, sich der Geschichte zu stellen und aus ihr Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft abzuleiten. Der 27. Januar, der internationale Holocaust-Gedenktag, erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945 sowie an die Millionen Menschen, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden. Dieser Tag mahnt uns, nicht zu vergessen.

In diesem Jahr erhielt der Musik-Grundkurs der Jahrgangsstufe 11 die besondere Gelegenheit, online an einem Zeitzeugengespräch mit Ruth Melcer teilzunehmen. Insgesamt waren rund 5100 Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland zugeschaltet. Im Vorfeld konnten Schülerinnen und Schüler Fragen einreichen, die von der Moderatorin behutsam in das Gespräch eingebunden wurden.

Ruth Melcer berichtete von ihrem Leben als jüdisches Kind während der Zeit des Nationalsozialismus – von Ausgrenzung, Hunger, Angst und unvorstellbarem Leid. Ihr Vater war Wollhändler. Als sie vier Jahre alt war, marschierten deutsche Truppen in ihre Heimatstadt ein. Die jüdische Bevölkerung wurde in einem abgegrenzten Stadtteil zusammengepfercht, entrechtet und später deportiert. Ruth Melcer und ihre Familie wurden in verschiedene Lager verschleppt und schließlich nach Auschwitz gebracht.

Dass sie Auschwitz überlebte, verdankte sie mehrfachem, unglaublichem Glück und einem verzweifelten Akt ihrer Mutter: Statt ihres tatsächlichen Alters von acht Jahren gab sie Ruth als zwölfjährig aus. Kinder hatten in Auschwitz keine Überlebenschance. Ihr sechsjähriger Bruder wurde erschossen, weil er zu jung war. Diese Schilderung erschütterte die Schülerinnen und Schüler besonders. Viele gaben im Anschluss zurück, wie sehr sie dieses Schicksal mitgenommen habe, vor allem diejenigen, die selbst jüngere Geschwister haben. Trotz all dieser unvorstellbaren Widrigkeiten erzählte Ruth, dass ihre Mutter sich ihren Humor bewahrt habe, was ihnen Kraft gegeben und wesentlich dazu beigetragen habe, diese furchtbare Zeit zu überstehen.

Eine Frage lautete, wie sie sich im Konzentrationslager gefühlt habe. Ruth Melcer antwortete mit wenigen, eindringlichen Worten. Sie habe damals vor allem Hunger und Angst gespürt. Für andere Gefühle sei kein Platz gewesen, alles andere habe sie verdrängen müssen, um zu überleben. Gerade diese schlichte, beinahe nüchterne Antwort machte das Ausmaß des Erlebten für viele besonders begreifbar.

Ein besonders stiller und emotionaler Moment entstand, als Schülerinnen und Schüler nach den Menschenversuchen von Dr. Mengele fragten. Ruth Melcer bestätigte, dass sie im Nachhinein von anderen Häftlingen erfahren habe, was dort geschehen sei. Sie weigerte sich jedoch, darüber zu berichten, denn es sei so schrecklich gewesen, dass sie nicht erzählen könne. Mit Tränen in den Augen schwieg sie. In diesem Moment hatten nicht nur sie, sondern auch die Moderatorin und viele der Anwesenden Tränen in den Augen. Auch die rund 5000 zugeschalteten Schülerinnen und Schüler wurden Zeugen dieser bewegenden Stille.

Trotz all des erlittenen Leids richtete Ruth Melcer eine klare Botschaft an die jungen Menschen: Macht euch Gedanken. Seid wachsam. Überlegt genau, wen ihr wählt. Demokratie beginne damit, Verantwortung zu übernehmen und nicht wegzusehen.

Das Zeitzeugengespräch hinterließ einen tiefen Eindruck. Eine Schülerin brachte es so auf den Punkt:„Es war mir eine Ehre, diese Geschichte von Ruth Melcer selbst erfahren zu haben.“

Der Holocaust-Gedenktag ist mehr als ein Rückblick in die Vergangenheit. Er ist eine eindringliche Warnung an uns alle – und ein Auftrag, alles dafür zu tun, dass sich das, was Ruth Melcer und Millionen andere Menschen erleiden mussten, niemals wiederholt.